Bericht Telebielingue vom 19. Mai 2017

Link Telebielingue: http://www.telebielingue.ch/de/info-vom-19-mai-2017-0

 

Bieler Tagblatt

Bericht vom 20. Mai 2017

Menschlichkeit statt viele Medikamente

Das kleine Pflegeheim Silsana bietet neben liebevoller Betreuung auch eine spezielle Pflege für Menschen in ihrer letzten Lebensphase an. Palliative Care ist zunehmend auch in der Altersmedizin Thema.

Über Tod und Sterben mag hierzulande niemand gerne reden. Und doch betrifft es jeden. Der letzte Lebensabschnitt ist an kein Alter gebunden: Unheilbar krank können auch Kinder sein.

Der Begriff Palliative Care ist halb Latein, halb Englisch: Palliare heisst so viel wie umhüllen, care bedeutet Sorge, Achtsamkeit, Pflege. Übersetzt heisst das: Unheilbar und chronisch kranke Menschen mit Sorge, Achtsamkeit und liebevoller Pflege zu umhüllen. Palliative Care kommt also dann zum Zug, wenn das Lebensende näherrückt und die Grenzen der medizinischen Therapien ausgeschöpft sind.

Genau dieses Credo schreibt sich das Pflegeteam des Heims Silsana in Ipsach auf die Fahne. Inhaberin und Heimleiterin Barbara Reber hat sich mit ihrem kleinen Heim, das fünf betagten oder unheilbar kranken Menschen ab 60 Jahren ein Zuhause bietet, einen Traum erfüllt. Palliative Care ist Teil ihres Pflegekonzepts. Ziel ist es, Betroffenen die bestmögliche Lebensqualität zu bieten. Dazu gehört unter anderem, Schmerzen und Ängste zu lindern, Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln.

Das bedeutet für das Pflegepersonal vor allem, Zeit für Zuwendung zu haben. Reber ist der Ansicht, auf diese Weise liessen sich Medikamente zwar nicht gänzlich ersetzen, aber ihre Menge doch zumindest reduzieren. Laut der Schweizerischen Organisation palliative.ch möchte die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung diese Art von Pflege nutzen.

Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2009 gaben fast 80 Prozent der Befragten an, Palliative Care in Anspruch nehmen zu wollen, sollten sie selber unheilbar krank sein. bjg – Region Seite 4

www.bielertagblatt.ch/menschlichkeit-statt-viele-medikamente

 

Bericht vom 20. Mai 2017

Wenn Zeit die beste Pflege ist

Im Haus Silsana finden Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt ein Zuhause.
Die Bewohner bekommen hier, was sie in dieser Phase am nötigsten brauchen:
Zuwendung und Zeit.


Brigitte Jeckelmann

An einem Morgen im Haus Silsana am Tannenweg 2 in Ipsach. Lotti Flückiger, 88, sitzt im Rollstuhl am Tisch in der Stube im Erdgeschoss. Zusammen mit einer Betreuerin arbeitet sie an einem Puzzle aus vier Teilen. Zusammengesetzt ergibt das Bild ein Kuchenstück auf einem Teller mit einer Gabel daneben. Im Lehnstuhl gegenüber liest Marietta Bolli, ebenfalls 88, die Zeitung. Zwei Nymphensittiche überblicken aus ihrer Volière die Szene in dem kleinen Pflegeheim von Barbara Reber, der Inhaberin und Heimleiterin.

Sie hat sich einen Traum verwirklicht, als sie vor rund drei Jahren das Haus gekauft und umgebaut hat. Sie, die erst als Hebamme arbeitete und sich später auf Langzeitpflege spezialisiert hat, wollte betagten Menschen das bieten, was sie unter einer guten Pflege versteht. «Das war für mich in den grossen Spitälern und Pflegeheimen wegen des Zeit­ und Spardrucks kaum möglich», sagt sie.
Vor allem Zeit und Zuwendung, das würden Senioren brauchen und das wollte sie ihnen geben,
sagt sie bestimmt.

Reber, wache, blaue Augen hinter der Brille, rosafarbenes T­Shirt mit blauem Kragen, steht auf der Terrasse hinter dem Haus. Im Rasen glitzert das Wasser eines kleinen Teichs. Zwischen Algen und Seerosenblättern schwänzeln ein paar Molche. Lulu, Barbara Rebers schwarze Katze, inspiziert die Besucher neugierig. In den hellen Räumen, auf drei Stockwerke verteilt, betreuen Barbara Reber und ihr Team fünf Senioren. Treppen steigen müssen die Bewohner nicht, dank des eingebauten Lifts.


Täglich Dauerpikett
Derzeit sind vier von fünf Einzelzimmern bewohnt, von drei Frauen und einem Mann mit unterschiedlichen Beschwerden im Alter zwischen 80 und 88 Jahren.
Sie können ihren Alltag zuhause auch mithilfe der Spitex nicht mehr bewältigen. Die Pflege ist daher sehr aufwändig. «Keiner unserer Bewohner kann alleine einen Schritt gehen», sagt Barbara Reber. Die Pflegenden müssen sie überall hin begleiten; auf die Toilette, zum Brünneli, an den Mittagstisch.

Die Zweizimmerwohnung im Untergeschoss bewohnt Barbara Reber selber. Ihre Bilanz nach den ersten drei Jahren: «Es ist genau das, was ich mir gewünscht habe.» Doch die Belastung sei nicht zu unterschätzen. «Dadurch, dass ich auch im Haus wohne, bin ich auf Dauerpikett.» Seit sie ihr Team aus 17 Teilzeitangestellten beisammen hat, kann sie ab und an Verantwortung abgeben, Ferien machen oder ein Wochenende im Haus ihres Partners verbringen.

Um 11 Uhr ist Singstunde in der Stube. Eine Pflegende drückt Lotti Flückiger und Marietta Bolli ein Blatt mit dem Text von «D Zyt isch do», einem alten Volkslied. Dann singen sie zusammen, Seniorin Marietta Bolli mit feiner, aber klarer Stimme. Lotti Flückiger singt nicht. Sie blickt nur auf den Text und lächelt.
Im zweiten Stock liegt eine Dame im Bett. Ihr weisses Haar kontrastiert zu den Farben der Bettwäsche in Blau und Orange. Sie freut sich über den Besuch, erzählt, sie habe sich bei Stürzen zweimal den Arm und einmal das Bein gebrochen. Einige Minuten lang plaudert sie angeregt, dann wird sie müde.

Hand halten, Spazieren gehen
Neben der intensiven Betreuung bietet Barbara Reber auch Palliativ Care an, also Pflege für Menschen, die an chronischen Krankheiten leiden, die unweigerlich mit dem Tod enden (siehe Zweittext). Der Begriff ist vor allem im Zusammenhang mit Krebspatienten bekannt.
Doch er gilt eigentlich auch für Betagte in der letzten Phase ihres Lebens. «Diese kann unterschiedlich lange dauern», sagt Barbara Reber,
«manchmal sind es Monate, manchmal auch nur wenige Wochen». Ziel von Palliative Care ist, den Menschen diesen letzten
Lebensabschnitt so angenehm wie möglich zu gestalten.
Was es dazu braucht, ist viel Zeit zum Reden und Zuhören, kurz: Zeit, um für die Menschen da zu sein.
Die Pflegenden halten den Senioren manchmal auch nur die Hand, sie gehen mit ihnen spazieren, singen mit ihnen oder lesen Geschichten vor.

Tod und Sterben sind Begleiter von Barbara Reber und ihrem Team. Manche Bewohner wollen darüber reden, manche nicht. «Beides», sagt Reber, «respektieren wir». Sie stellt aber fest, dass ausführliche Gespräche vielen dabei helfen, mit ihren Ängsten umzugehen. Beim Reden, auch mit den Angehörigen, finden Reber und ihre Mitarbeiterinnen heraus, wie sich die Betroffenen am wohlsten fühlen. «Wir ermöglichen ihnen, so zu sterben, wie sie es sich gewünscht haben.»
Deshalb empfinde sie den Tod nicht als Feind, sondern als Freund.

Infobroschüren Palliative Care unter www.bielertagblatt.ch/palliativ

Link: www.palliative.ch

www.bielertagblatt.ch/wenn-zeit-die-beste-pflege-istpalliative-care-kerzlein-die-flackern
Foto: Stefan Leimer


Palliative Care: «Kerzlein, die flackern»

Was ist Palliative Care? Diese Frage beantwortet die Broschüre «Palliative Care – Menschen am Lebensende begleiten» von Curaviva, dem Schweizerischen Heimverband: Palliative Care bietet bestmögliche Lebensqualität bei unheilbarer Krankheit. Auch wenn die Heilung durch die Medizin nicht mehr möglich ist. Fachleute für Palliativpflege finden Betroffene auch bei der Spitex.

Anita Hirschi von der Spitex Bürglen in Studen erklärt: «Palliativpflege bezieht sich bei uns auf die Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase.»
Die Diagnose sei dabei zweitrangig. Für die Fachleute sei es zentral, dass sich die Pflege und Begleitung an den Bedürfnissen der
Betroffenen ausrichtet. Dazu gehöre auch, Angehörige zu unterstützen. Palliativpflege ist zunehmend auch in Pflegeheimen ein Thema. In der Broschüre von Curaviva sagt Balz Briner, Heimarzt im Betagtenzentrum zum Wasserturm in Basel: «Die Bewohner hier sind fast durchwegs Palliativpatienten.» Sie seien vielleicht noch nicht sterbend. «Aber sie sind alle unheilbar krank und es ist keine Heilung zu erwarten. Es sind Kerzlein, die flackern.»

Da es eine Zusammenarbeit von vielen verschiedenen Fachleuten braucht, fährt der Bund eine nationale Strategie für Palliativpflege. Das
Bundesamt für Gesundheit hält in seiner Informationsbroschüre «Unheilbar krank – was jetzt» fest: «Palliative Care bedeutet die Vernetzung von Fachpersonen aus Medizin, Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Sozialarbeit, Psychologie, Seelsorge sowie Angehörige und andere Bezugspersonen.» bjg

Haus Silsana

Für Pflegebedürftige, chronischkranke, unheilbare (Palliative Care) oder demenzbetroffene Personen ab dem 60. Altersjahr.
Auch für Senioren mit Ergänzungsleistungen erschwinglich.
Das Essen wird in der eigenen Küche zubereitet, Bewohner können auf Wunsch mithelfen.
Auch Tages­ und Ferienaufenthalte sind möglich. bjg

Link: www.silsana.ch

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